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Verkehrspsychologie: Warum wir sie brauchen – und was sie tatsächlich umfasst

Verkehrspsychologie zeigt, wie stark menschliches Verhalten Sicherheit bestimmt. Stephanie Rueß erklärt, warum Entscheidungen, Aufmerksamkeit und Technik zusammengehören. Ein Einblick in ein Fach, das Mobilität verständlicher und sicherer macht.

Eine Frau mit langen Haaren sitzt am Steuer eines Autos und lächelt, während sie in eine Richtung schaut. Sie trägt einen Anzug und hat den Sicherheitsgurt angelegt.

Wenn wir an Verkehr denken, haben viele zuerst Autos, Straßen oder Staus im Kopf. Doch hinter all dem steckt ein wichtiger Faktor, der oft übersehen wird: der Mensch. Genau hier setzt die Verkehrspsychologie an. Sie untersucht das Verhalten von Menschen im Verkehr und hilft zu verstehen, wie Entscheidungen entstehen, warum Fehler passieren und wie man Risiken reduziert. Man kann sich das vorstellen wie eine Lupe, die nicht auf Motoren oder Straßen gerichtet ist, sondern auf Gedanken, Gewohnheiten und Motivationen der Verkehrsteilnehmer.

Wer sich näher mit Verkehrspsychologie beschäftigen möchte, findet seit Neuestem eine entsprechende Anwendungsvertiefung im Fernstudiengang Psychologie (M.Sc.).

Warum ist Verkehrspsychologie wichtig?

Der Verkehr ist ein komplexes Zusammenspiel aus Technik, Infrastruktur und menschlichem Verhalten. Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit kann große Folgen haben. Deshalb ist es entscheidend zu wissen, wie Menschen unter Stress reagieren, wie sie Geschwindigkeiten einschätzen, was Ablenkung bewirkt oder wie sich Müdigkeit zeigt.

Ein einfaches Beispiel: Wenn jemand auf der Autobahn zu dicht auffährt, ist das selten nur eine Frage des „Nicht-Könnens“. Oft spielen Einstellungen wie Ungeduld, Risikobereitschaft oder falsch verstandene Selbstsicherheit eine Rolle. Verkehrspsychologie hilft dabei, solche Muster sichtbar zu machen und Lösungen zu entwickeln, die nicht nur Verbote aufstellen, sondern Verhalten wirklich verändern.

Sie ist wichtig, weil sie Leben schützt. Viele Verbesserungen in der Verkehrssicherheit – von Tempolimits über Sicherheitskampagnen bis hin zur Gestaltung von Kreuzungen – basieren auf Erkenntnissen aus diesem Fachgebiet.

Was machen Verkehrspsycholog:innen im Berufsalltag?

Das Berufsfeld ist vielfältiger, als viele vermuten. Sicher denken die meisten zuerst an die MPU („medizinisch-psychologische Untersuchung“). Und tatsächlich ist dies ein großer Arbeitsbereich. Verkehrspsycholog:innen führen in diesem Rahmen diagnostische Gespräche, beurteilen Veränderungsprozesse und unterstützen Betroffene dabei, sicherere Verhaltensweisen zu entwickeln. Das Ziel ist nie Bestrafung, sondern eine faire Einschätzung: Ist jemand bereit, wieder sicher am Straßenverkehr teilzunehmen?

Doch der Beruf geht weit darüber hinaus. Zum Beispiel:

  • Beratung und Intervention: Verhaltensauffällige Fahrerinnen und Fahrer erhalten Unterstützung, um riskante Muster zu verändern – etwa aggressives Fahren, Alkoholprobleme oder fehlende Einsicht in Verkehrsregeln. Die Arbeit ähnelt manchmal einem Coaching: realitätsnah, klar strukturiert und an den persönlichen Ursachen orientiert.
  • Verkehrspsychologische Diagnostik: Hier geht es um die Frage, wie leistungsfähig und konzentriert eine Person ist. Besonders relevant ist das z. B. für Berufsfahrer, ältere Menschen oder Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen.
  • Forschung und Verkehrssicherheitsarbeit: Verkehrspsycholog:innen analysieren Unfallzahlen, begleiten Pilotprojekte oder arbeiten an Sicherheitskampagnen mit. Sie prüfen, wie Menschen auf neue Verkehrskonzepte reagieren – etwa auf Fahrradstraßen oder Temporeduzierungen.
  • Mitarbeit in Behörden oder Unternehmen: Ob in Fahrschulen, bei Verkehrsbehörden oder Automobilherstellern: Überall dort, wo menschliches Verhalten im Verkehr eine Rolle spielt, ist ihre Expertise gefragt.

Geht es in der Verkehrspsychologie nur um Straßenverkehr?

Nein. Der Name lässt es vermuten, aber der Bereich ist breiter. Überall dort, wo Menschen Fahrzeuge steuern und Entscheidungen treffen müssen, wird psychologisches Wissen gebraucht. Dazu gehören:

  • Bahnverkehr (z. B. Aufmerksamkeit und Stress bei Lokführer:innen)
  • Luftfahrt (Fehleranalysen, Crew-Ressource-Management)
  • Schiffsverkehr
  • Interaktionen an Schnittstellen, z. B. Fußgänger in Bahnhofsbereichen

Auch die Gestaltung von Verkehrsräumen gehört dazu: Wie müssen Wege, Beschilderungen oder Beleuchtung aussehen, damit sie intuitiv verstanden werden?

Hier kann gesagt werden: Die Verkehrspsychologie untersucht immer die Frage „Wie bewegen sich Menschen sicher und vorhersehbar durch eine Umwelt, die komplex ist?“

Aktuelle Entwicklungen: Assistenzsysteme, Autopilot und die Zukunft der Mobilität

Der moderne Verkehr verändert sich rasant. Fahrzeuge werden immer intelligenter. Diese technischen Neuerungen sind faszinierend, aber sie schaffen auch neue Herausforderungen. Genau hier spielt Verkehrspsychologie eine zentrale Rolle.

Fahrassistenzsysteme
Viele Autos übernehmen heute Aufgaben, die früher vollständig vom Menschen kontrolliert wurden: Spurhalten, Abstandsregeln, Notbremsen. Das klingt entlastend, kann aber auch zu einem Problem werden, etwa wenn Fahrer sich zu sehr auf die Technik verlassen. Psychologische Studien zeigen zum Beispiel, dass Menschen dazu neigen, weniger aufmerksam zu sein, wenn Technik als „verlässlich“ wahrgenommen wird. Gute Systeme müssen daher so gestaltet sein, dass sie unterstützen, aber nicht passiv machen.

Autonomes Fahren
Mit autonomen Fahrzeugen verschiebt sich die Rolle des Menschen fundamental. Statt selbst zu steuern, wird er zum Überwacher eines Systems. Und genau das ist psychologisch herausfordernd. Das kennt man bereits aus der Luftfahrt: Wenn Technik lange problemlos arbeitet, fällt es schwer, im Ernstfall schnell und präzise zu reagieren. Verkehrspsychologie hilft dabei, Bedienkonzepte zu entwickeln, die Menschen aktiv einbinden, rechtzeitig warnen und Fehler vermeiden.

Neue Mobilitätsformen
Sharing-Dienste, E-Scooter, autonome Shuttles: all das fordert uns als Verkehrsteilnehmer neu heraus. Hier geht es unter anderem um die Frage „wie gelingt das sichere Miteinander zwischen schnellen und langsamen, leisen und lauten, persönlichen und geteilten Verkehrsmitteln?“

Fazit

Verkehrspsychologie ist ein Fach, das nah am Alltag ist, aber oft unterschätzt wird. Sie zeigt, dass sichere Mobilität nicht nur eine Frage von Technik oder Regeln ist, sondern vor allem von menschlichem Verhalten. Ihre Erkenntnisse beeinflussen Führerscheinentscheidungen, Verkehrsplanung, Fahrzeugtechnik und die Zukunft autonomer Mobilität.

Ein Verkehrssystem ist immer nur so sicher wie die Menschen, die darin handeln. Verkehrspsychologie sorgt dafür, dass diese Systeme nicht nur technisch funktionieren, sondern psychologisch sinnvoll sind, heute und in Zukunft.

Über die Autorin

Stephanie Rueß ist Fachdozentin für Psychologie an der SRH Fernhochschule mit Forschungsschwerpunkt auf die Mensch-KI-Interaktion bzw. Mensch-Roboter-Interaktion.

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