
Phubbing im Familienalltag: Kinder spüren es, wenn Eltern im Smartphone verschwinden. Was Technoferenz bei Kindern auslöst und wie Eltern ihre Aufmerksamkeit zurückgewinnen, ohne das Smartphone zu verteufeln, zeigt unsere Expertin Prof. Dr. Zwank.
Phubbing im Familienalltag: Kinder spüren es, wenn Eltern im Smartphone verschwinden. Was Technoferenz bei Kindern auslöst und wie Eltern ihre Aufmerksamkeit zurückgewinnen, ohne das Smartphone zu verteufeln, zeigt unsere Expertin Prof. Dr. Zwank.

Was erleben Kinder, wenn Mama oder Papa ständig aufs Smartphone schauen? In der Forschung gibt es dazu den Begriff der Technoferenz – ein Kofferwort aus Technologie und Interferenz. Der US-Familienforscher Brandon McDaniel hat es geprägt, um jeden Moment zu beschreiben, in dem ein Gerät eine Begegnung zwischen Menschen unterbricht: das Gespräch beim Abendessen, das Turmbauen auf dem Teppich, den Blickkontakt beim Wickeln (McDaniel & Coyne, 2016). „Phubbing“ ist der kleine, frechere Bruder. Das Wort setzt sich aus phone und snubbing (jemanden brüskieren) zusammen. Gemeint ist die soziale Kränkung, wenn das Gegenüber lieber aufs Display schaut als in unser Gesicht.
Im Kontext des neuen Studiengangs Digitale Psychologie und Künstliche Intelligenz (M.Sc.) nehmen wir gemeinsam mit Prof. Dr. Julia Zwank diese Phänomene und die psychologische Forschung dazu in den Fokus.
Psychologisch passiert beim Phubbing etwas, das wir uns ungern eingestehen. Aufmerksamkeit funktioniert wie der Scheinwerfer auf einer Theaterbühne. Es gibt genau einen. Was wir „Multitasking“ nennen, ist in Wahrheit schnelles Hin- und Herschalten (task switching), wobei jeder Wechsel Zeit und Feinheit kostet. Zusätzlich wirkt das Smartphone auf unser Belohnungssystem wie ein Spielautomat: Manchmal wartet eine nette Nachricht, manchmal nichts. Diese variable Belohnung gilt in der Verhaltenspsychologie als der Lernmechanismus, der Gewohnheiten am zähesten festhält. Das Ergebnis hat der Sozialpsychologe Kenneth Gergen schon 2002 absent presence genannt, die abwesende Anwesenheit: Der Körper sitzt auf dem Spielplatz, der Geist ist im Büro-Chat.
Jenny Radesky und ihr Team haben das in Bostoner Fast-Food-Restaurants beobachtet. Bei 40 von 55 Tischszenen mit Erwachsenen und Kindern kam ein Gerät ins Spiel. Am stärksten versunken waren die Erwachsenen, die ununterbrochen tippten und wischten. Die Kinder testeten Grenzen, wurden lauter und provozierten, und die Erwachsenen reagierten erst gar nicht und dann gereizt. Eine Frau trat ihrem Kind unter dem Tisch sogar gegen den Fuß (Radesky et al., 2014).
„In meinen Vorträgen mache ich daraus gern ein kleines Experiment“, berichtet Prof. Dr. Julia Zwank. „Ich bitte das Publikum, sich zu zweit zusammenzusetzen. Eine Person erzählt von ihrem schönsten Urlaub. Die andere hört zu, und auf mein Zeichen zieht sie mitten im Satz das Handy aus der Tasche und scrollt. Nur dreißig Sekunden lang. Dann frage ich die Erzählenden, wie es ihnen ging. Die Antworten ähneln sich jedes Mal verblüffend: „Ich habe angefangen, lauter zu reden.“ „Ich habe den Faden verloren.“ „Ich habe einfach aufgehört.“ Erwachsene Menschen, die genau wissen, dass es eine Übung ist, die sich nach einer halben Minute wieder in die Augen sehen dürfen. Und trotzdem wird der Saal spürbar kühler. Dann zeige ich ihnen, was Babys in derselben Situation tun. Sie reagieren erstaunlich ähnlich, nur ohne zu wissen, dass es eine Übung ist.“
Das Smartphone wirkt auf unser Belohnungssystem wie ein Spielautomat.

Prof. Dr. Julia Zwank ist Professorin für Entwicklungs- und Wirtschaftspsychologie an der SRH Fernhochschule – The Mobile University. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich vor allem damit, wie frühe Bindungserfahrungen die kindliche Entwicklung prägen und wie digitale Technologien die Entwicklung von Identität und Beziehungen über die Lebensspanne beeinflussen. Sie hat unter anderem den Masterstudiengang Angewandte Psychologie mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendpsychologie (M.Sc.) aufgebaut und leitet die Masterstudiengänge Digitale Psychologie und Künstliche Intelligenz (M.Sc.) sowie Umweltpsychologie & Nachhaltigkeit (M.Sc.).
Ein Baby weiß nicht, was ein Smartphone ist. Es sieht kein Gerät. Es sieht ein Gesicht, das abgeschaltet wurde. Das Handy-Gesicht ist ein Still Face mit Displaybeleuchtung.

Babys kommen als hochsensible Beziehungsdetektoren auf die Welt. Ihr Gehirn lernt im Ping-Pong: Das Kind schickt ein Signal (Lächeln, Gurren, Zeigen), der Erwachsene antwortet, das Kind antwortet zurück. So lernt das kindliche Gehirn: Die Welt reagiert auf mich.
1978 hat der Entwicklungspsychologe Edward Tronick dieses Ping-Pong absichtlich gestoppt. Mütter spielten zunächst ganz normal mit ihren Babys und erstarrten dann auf ein Zeichen hin zu einem reglosen, ausdruckslosen Gesicht, dem Still Face. Was dann geschieht, ist schwer anzusehen. Das Baby lächelt, zeigt, quietscht, wirft sein ganzes Repertoire in die Waagschale. Dann folgt Protest. Am Ende wendet es den Blick ab und sackt in sich zusammen (Tronick et al., 1978). Bei fünf bis sechs Monate alten Babys stieg in dieser Situation messbar das Stresshormon Cortisol. (Haley & Stansbury, 2003).
Die Forscherin Sarah Myruski hat dieses Experiment 2018 in die Gegenwart geholt. Statt zu erstarren, schauten 50 Mütter zwei Minuten lang auf ihr Smartphone. Ihre Babys zwischen 7 und 23 Monaten reagierten wie ihre Vorgänger von 1978: mehr Unmut, weniger Spiel, weniger Neugier auf den Raum. Besonders aufschlussreich: Kinder, deren Mütter im Alltag viel am Handy waren, erholten sich nach der Wiedervereinigung schlechter (Myruski et al., 2018).
Eine israelische Studie mit 114 knapp einjährigen Babys ging noch einen Schritt weiter. Wenn die Mutter aufs Handy schaute, versuchten die Babys häufiger, ihren Blick auf ein Spielzeug zu lenken. Die Mütter reagierten seltener darauf, und die Momente geteilter Aufmerksamkeit (joint attention, die Keimzelle von Sprache) blieben kürzer, sogar kürzer als bei einer Unterbrechung durch eine andere Person im Raum (Krapf-Bar et al., 2022).
Die Parallele verrät uns etwas Grundlegendes. Ein Baby weiß nicht, was ein Smartphone ist. Es sieht kein Gerät. Es sieht ein Gesicht, das abgeschaltet wurde. Das Handy-Gesicht ist ein Still Face mit Displaybeleuchtung.
Wie die Geräte genutzt werden, spielt eine sehr große Rolle. Das hängt von drei Faktoren ab:
„Ich halte nichts von digitalen Fastenkuren, die nach drei Tagen scheitern und ein schlechtes Gewissen hinterlassen“, sagt Prof. Dr. Zank. Ihr Tipp: „Kleine, kluge Gewohnheiten wirken länger.“
Zuerst eine Erkenntnis aus der Gewohnheitsforschung, die Eltern sehr entlastet. Rund 40 Prozent unserer täglichen Handlungen laufen als Gewohnheit ab, ausgelöst von Orten, Uhrzeiten und Situationen, und eben nicht von bewussten Entscheidungen (Wood et al., 2002). Wer zum Handy greift, sobald das Kind auf der Schaukel sitzt, hat dafür nicht zu wenig Willenskraft. Die Schaukel ist zum Auslöser geworden. Deshalb ändern gute Vorsätze so wenig und eine veränderte Umgebung so viel. Und genau hier kommen laut Prof. Dr. Zwank Partner, Kitas und Schulen ins Spiel, denn sie gestalten die Umgebung, in der Familien leben.
Partner sollten Technoferenz als gemeinsame Elternaufgabe behandeln und nicht als Charakterfehler des anderen. Die Forschung zeigt auch, warum. In zwei Studien mit zusammen über 400 Elternpaaren führte häufige Technoferenz zu mehr Streit über die Handynutzung, und dieser Streit hing mit geringerer Zufriedenheit in der Beziehung zusammen. Die Eltern erlebten sich außerdem seltener als gutes Team in der Erziehung (McDaniel et al., 2018). Belastend wirkt also vor allem der Streit über das Handy. Ein Vorwurf wie „Du hängst schon wieder am Handy!“ macht die Lage deshalb meist schlimmer.
Praktisch bewährt sich das „Notfallhandy“. Ein Gerät bleibt erreichbar für Kita, Babysitter und Großeltern, das andere hat Feierabend. Das passt gut zu einem Feldexperiment mit über 200 Erwachsenen. Wer seine Benachrichtigungen nur dreimal am Tag gebündelt bekam, fühlte sich danach aufmerksamer, weniger gestresst und zufriedener. Wer dagegen gar keine Benachrichtigungen mehr bekam, wurde unruhiger und schaute genauso oft aufs Display, aus Sorge, etwas zu verpassen (Fitz et al., 2019). Ein radikaler Handyverzicht scheitert also oft an genau dieser Sorge. Das Notfallhandy nimmt sie Eltern ab. Ein zweites Experiment zeigt, was dabei herauskommt: 200 Eltern besuchten mit ihren Kindern ein Wissenschaftsmuseum. Wer sein Handy möglichst wenig nutzen sollte, fühlte sich weniger abgelenkt und seinen Kindern näher. Das Handy durfte trotzdem helfen: Wer gemeinsam mit dem Kind etwas zu einem Ausstellungsstück nachschlug, fühlte sich ebenfalls verbunden (Kushlev & Dunn, 2019).
Kitas sollten einen Moment ernst nehmen, der im Alltag schnell untergeht: das Abholen. Für Kleinkinder ist ein Kitatag anstrengender, als wir oft denken. In einer Studie aus dem Labor der Stressforscherin Megan Gunnar stieg bei 71 Prozent der Kleinkinder in ganztägiger Betreuung das Stresshormon Cortisol im Laufe des Tages an. Zu Hause sank es bei den meisten Kindern, wie es der normalen Tageskurve entspricht (Watamura et al., 2003). Gegen die Kita spricht das nicht, denn feinfühlige Fachkräfte und verlässliche Beziehungen federn diesen Stress ab. Es bedeutet aber, dass Kinder beim Abholen am dringendsten einen Erwachsenen brauchen, der ihnen hilft, wieder zur Ruhe zu kommen. Psychologen nennen das Co-Regulation. Ein Elternteil, das noch halb im Telefonat steckt, kann das in diesem Moment nicht leisten.
Eine handyfreie Abholzone setzt deshalb genau an der richtigen Stelle an. Ein Schild aus Kinderperspektive wirkt dabei besser als ein Verbot: „Ich hab den ganzen Tag auf dich gewartet. Schaust du mich an?“ Die Abholzone wird so zu einem Auslöser für eine neue Gewohnheit. Auf dem Elternabend gehört das Thema als offenes Gespräch unter Erwachsenen dazu, die alle dasselbe Gerät in der Tasche haben. Und die Regel gilt selbstverständlich auch für das Team, denn Kinder unterscheiden nicht zwischen dem Handy der Mutter und dem der Erzieherin.
Schulen stehen vor einer unbequemen Erkenntnis. Eine große britische Studie mit über 1.200 Jugendlichen an 30 Schulen fand an Schulen mit strengen Handyregeln keine besseren Werte für psychisches Wohlbefinden, Schlaf oder Leistungen. Die Schülerinnen und Schüler nutzten ihr Handy während der Schulzeit eine halbe Stunde weniger und holten das nachmittags wieder nach (Goodyear et al., 2025). Die Studie hat methodische Grenzen, aber die Botschaft ist klar: Regeln, die am Schultor enden, ändern wenig. Was zu Hause passiert, wiegt schwerer. Eine Metaanalyse über 53 Studien mit mehr als 60.000 Teilnehmenden fand einen mittelstarken Zusammenhang zwischen der Technoferenz der Eltern und problematischer Mediennutzung ihrer Kinder (Zhang et al., 2025). Medienbildung sollte die Eltern deshalb mitnehmen. Ein Mediennutzungsvertrag wirkt glaubwürdiger, wenn darin auch steht, was die Eltern versprechen.
Einen Hebel übersehen Schulen und Kitas fast immer, nämlich ihre eigene Kommunikation. Wer in der Klassen-WhatsApp-Gruppe um 21:47 Uhr nach dem vergessenen Turnbeutel fragt, holt dreißig Eltern ans Display. Feste Ruhezeiten für Elternchats und Schul-Apps, etwa keine Nachrichten nach 19 Uhr und am Wochenende, bündeln die Kommunikation genauso, wie es Fitz und Kollegen im Experiment getan haben.
Kinderärztinnen und Kinderärzte haben seit 2023 eine Leitlinie an der Hand. Die deutsche S2k-Leitlinie zur Prävention von dysreguliertem Bildschirmmediengebrauch empfiehlt Eltern, das Handy häufiger außer Sichtweite zu legen, im Familienalltag komplett medienfreie Zeiten einzurichten und Geräte über Nacht gemeinsam in ein „Handyhotel“ zu stecken. Sie empfiehlt Eltern außerdem, sich ab und zu zu fragen: „Bin ich gerade ein gutes Vorbild?“ (DGKJ, 2023). Bei den U-Untersuchungen ließe sich das mit einer einzigen Frage anstoßen: „Wann sind bei Ihnen zu Hause alle Handys weg?“ Die Frage urteilt nicht. Viele Eltern denken trotzdem auf dem Heimweg darüber nach.
Prof. Dr. Zwanks Antwort ist hier eindeutig: „Unser Vorbildverhalten spielt eine große – vielleicht die größte – Rolle.“ Albert Bandura hat gezeigt, dass Kinder vor allem lernen, indem sie beobachten (Bandura, 1977). Für Medien heißt das: In einer großen US-Befragung von Eltern mit Kindern bis acht Jahre hing die Bildschirmzeit der Eltern auf jedem einzelnen Gerät, vom Fernseher bis zum Tablet, eng mit der Bildschirmzeit ihrer Kinder zusammen (Lauricella et al., 2015). Kinder kopieren unser Verhalten. Unsere Vorsätze sehen sie nicht.
Und sie haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. In einer Studie mit 249 Familien wurden Kinder zwischen 10 und 17 Jahren gefragt, welche Technikregeln eigentlich für ihre Eltern gelten sollten. Die häufigste Antwort: präsent sein. Ein Kind brachte es auf den Punkt: „Leg dein Handy weg, wenn ich mit dir rede.“ Viele empfanden es als scheinheilig, wenn Eltern beim Essen selbst online waren und es ihnen verboten (Hiniker et al., 2016). Die Psychologin Catherine Steiner-Adair hat über tausend Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 18 Jahren befragt. Viele beschrieben sich als frustriert, traurig oder wütend, wenn sie mit dem Handy ihrer Eltern um Aufmerksamkeit konkurrieren mussten (Steiner-Adair & Barker, 2013).
Kinder lernen von uns also weniger, wie man ein Smartphone bedient. Das bringen sie sich ohnehin selbst bei, schneller als wir. Sie lernen, was ein Blick wert ist. Wenn Sie heute Ihr Handy weglegen, um Ihrem Kind zuzuhören, zeigen Sie ihm, wem in Ihrem Leben die erste Reihe gehört. Das wird es eines Tages an seine eigenen Kinder weitergeben.
Dann entdecken Sie unsere Themenwelt. Spannende Inhalte und Studiengänge erwarten Sie.